Allergie
gegen Latex
Gefahr
aus dem Schnuller
Mutter und Ärzte waren ratlos: Jedes Mal, wenn die kleine
Susanne an ihrem Fläschchen nuckelte, begann sie pfeifend
zu atmen, hatte eine verstopfte Nase und bekam Hautausschlag.
Lange war die Ursache nicht herauszubekommen. Weil Susanne
ab der dritten Lebenswoche nicht mehr gestillt wurde, sondern
eine Soja-Fertignahrung erhielt, vermuteten die Ärzte zunächst
eine Allergie gegen die Sojamilch. Aber der Wechsel zu einer
anderen Milch half dem kleinen Mädchen nicht. Die Mediziner
wussten nicht mehr weiter. Schließlich tauschten sie den Latex-Sauger
am Fläschchen gegen einen Sauger aus Silikon aus – denn
Susannes Mutter war allergisch gegen Latex. Die einfache Maßnahme
wirkte Wunder: Susanne konnte jetzt zufrieden und ohne jede
Symptome ihre Milch trinken.1 Offensichtlich hatte
also auch die Kleine bereits eine Allergie gegen Latex, die
zu Luftnot und Ausschlag führte.
Kinder,
die oft operiert wurden, sind besonders gefährdet
Dass eine Naturlatex-Allergie wie bei Susanne in den ersten
Lebenswochen auftritt, ist ungewöhnlich. In der Regel vergeht
längere Zeit, bis sich die Überempfindlichkeit entwickelt.
„Besonders gefährdet sind Kinder, die mehrfach operiert wurden
und so in engen Kontakt mit Latex gekommen sind, zum Beispiel
mit den Schutzhandschuhen der Chirurgen. Dabei beginnt das
Immunsystem manchmal, allmählich allergisch auf Latex zu reagieren“,
sagt Professor Dr. Thomas Fuchs, Präsident des Ärzteverbandes
Deutscher Allergologen (ÄDA). Mehr als zwei Drittel der Kinder
mit Spina bifida, einer angeborenen Fehlbildung im Bereich
der Wirbelsäule, die oft mehrere Operationen notwendig macht,
entwickeln eine Latex-Allergie.2 Ein anderer Risikofaktor
ist die familiäre Veranlagung zu Allergien. Italienische Ärzte
stellten bei 2,6 Prozent der Kinder, die sie wegen anderer
allergischer Erkrankungen betreuten, zusätzlich eine Latex-Allergie
fest.3
Die Latex-Allergie äußert sich sehr unterschiedlich. Hautausschläge,
allergischer Schnupfen und allergisches Asthma sind häufige
Symptome. Die Überempfindlichkeit des Immunsystems kann lebensbedrohlich
werden, zum Beispiel während einer Operation. Wegen des intensiven
Kontaktes mit latexhaltigen Operationsmaterialien droht ein
allergischer Schock, bei dem es zum Kreislaufversagen kommen
kann. Die behandelnden Ärzte müssen deshalb unbedingt über
die Krankheit unterrichtet sein.
Hilfe
vom Spezialisten
„Wer vermutet, dass er selbst oder sein Kind an einer Latex-Allergie
leidet, sucht am besten einen auf Allergien spezialisierten
Facharzt auf. Er kann die Erkrankung durch gezielte Testverfahren
feststellen“, so Fuchs. Wenn die Diagnose gesichert ist, sollten
Menschen mit einer Latex-Allergie der Substanz konsequent
aus dem Weg gehen. Neben Schnullern, Saugern, Gummihandschuhen
und Kondomen ist Latex zum Beispiel in Luftballons sowie manchen
Matratzen und Gummisohlen enthalten. In vielen Fällen sind
Ersatzprodukte ohne Latex auf dem Markt. Der Allergologe kann
die Betroffenen kompetent beraten. Dabei ist auch die Information
sehr wichtig, dass es auch zu einer so genannten Kreuzallergie
kommen kann. Fuchs: „Manche Betroffene reagieren nicht nur
auf Latex allergisch, sondern zum Beispiel auch auf Avocado,
Banane, Tomate oder Kiwi.“ Diese Frucht- und Gemüsesorten
und auch die Birkenfeige (Ficus benjamina) – eine beliebte
Zimmerpflanze – enthalten Substanzen, die dem Latex ähneln.
Auch Latex ist ein pflanzliches Produkt. Naturgummi-Latex
wird als Pflanzensaft durch das Anschneiden von Gummibäumen
gewonnen.
Dass eine Latex-Allergie kein Schicksal ist, mit dem man sich
einfach abfinden muss, deutet eine aktuelle portugiesische
Studie an. Ärzten gelang es, durch eine spezifische Immuntherapie
(„Allergie-Impfung“) Patienten mit zum Teil schwerer Latex-Allergie
von ihrer Krankheit zu heilen.4 Bei der spezifischen
Immuntherapie wird den Patienten die allergieauslösende Substanz
in langsam steigenden Dosen über einen längeren Zeitraum regelmäßig
unter die Haut gespritzt. Für Pollen-, Hausstaub- und Insektengiftallergien
ist das Verfahren die einzige ursächliche und langfristig
erfolgreiche Behandlungsmethode. Die spezifische Immuntherapie
wird auch zur Vorbeugung und Behandlung des allergischen Asthmas
empfohlen.
Latex-Allergie im Gesundheitswesen
Weit
verbreitet sind Latex-Allergien bei Krankenschwestern, Ärzten,
Laborpersonal und anderen Menschen, die im Gesundheitswesen
arbeiten. Etwa zehn Prozent der Beschäftigten sind betroffen.5
Auch sie entwickeln die Krankheit durch den häufigen Kontakt
mit Latex in Schutzhandschuhen. Schuld ist in vielen Fällen
die Puderung der Handschuhe. Das Puder soll das Überziehen
erleichtern; leider nimmt es aber gleichzeitig die Eiweiße
des Latex auf, die für die Allergiesymptome verantwortlich
sind. Die Eiweiße werden dadurch überall verteilt und können
sich auch in der Raumluft ausbreiten. Mittlerweile dürfen
keine gepuderten Latexhandschuhe mehr verwendet werden.
Die Zahl der Neuerkrankungen ist deshalb in den letzten
Jahren deutlich gesunken.
1
Fallbeschreibung nach: Freishtat RJ, Goepp, JGK: Episodic
stridor with latex nipple use in a 2-month-old infant. Annals
of Emergency Medicine 2002; 39:441-443.
2
Raulf-Heimsoth M et al.: Latexallergie – am Wendepunkt?
Medical Special 2003; 4:55-56.
3
Meglio P et al.: Prevalence of latex allergy and evaluation
of some risk factors in a population of atopic children.
J Investig Allergol Clin
Immunol 2002; 12:250-256.
4
Pereira C et al.: Specific immunotherapy for severe latex
allergy. Allerg Immunol (Paris) 2003; 35:217-225.
5
Weißbuch Allergie in Deutschland. Ring J, Fuchs T, Schultze-Werninghaus
G (Hrsg.), München: Urban & Vogel; 2. Auflage, 2003.
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