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Ärzteverband Deutscher Allergologen (ÄDA)
Deutsche Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAI)

27. Januar 2004

 


 

Allergie gegen Latex

Gefahr aus dem Schnuller

Mutter und Ärzte waren ratlos: Jedes Mal, wenn die kleine Susanne an ihrem Fläschchen nuckelte, begann sie pfeifend zu atmen, hatte eine verstopfte Nase und bekam Hautausschlag. Lange war die Ursache nicht herauszubekommen. Weil Susanne ab der dritten Lebenswoche nicht mehr gestillt wurde, sondern eine Soja-Fertignahrung erhielt, vermuteten die Ärzte zunächst eine Allergie gegen die Sojamilch. Aber der Wechsel zu einer anderen Milch half dem kleinen Mädchen nicht. Die Mediziner wussten nicht mehr weiter. Schließlich tauschten sie den Latex-Sauger am Fläschchen gegen einen Sauger aus Silikon aus – denn Susannes Mutter war allergisch gegen Latex. Die einfache Maßnahme wirkte Wunder: Susanne konnte jetzt zufrieden und ohne jede Symptome ihre Milch trinken.1 Offensichtlich hatte also auch die Kleine bereits eine Allergie gegen Latex, die zu Luftnot und Ausschlag führte.

Kinder, die oft operiert wurden, sind besonders gefährdet

Dass eine Naturlatex-Allergie wie bei Susanne in den ersten Lebenswochen auftritt, ist ungewöhnlich. In der Regel vergeht längere Zeit, bis sich die Überempfindlichkeit entwickelt. „Besonders gefährdet sind Kinder, die mehrfach operiert wurden und so in engen Kontakt mit Latex gekommen sind, zum Beispiel mit den Schutzhandschuhen der Chirurgen. Dabei beginnt das Immunsystem manchmal, allmählich allergisch auf Latex zu reagieren“, sagt Professor Dr. Thomas Fuchs, Präsident des Ärzteverbandes Deutscher Allergologen (ÄDA). Mehr als zwei Drittel der Kinder mit Spina bifida, einer angeborenen Fehlbildung im Bereich der Wirbelsäule, die oft mehrere Operationen notwendig macht, entwickeln eine Latex-Allergie.2 Ein anderer Risikofaktor ist die familiäre Veranlagung zu Allergien. Italienische Ärzte stellten bei 2,6 Prozent der Kinder, die sie wegen anderer allergischer Erkrankungen betreuten, zusätzlich eine Latex-Allergie fest.3

Die Latex-Allergie äußert sich sehr unterschiedlich. Hautausschläge, allergischer Schnupfen und allergisches Asthma sind häufige Symptome. Die Überempfindlichkeit des Immunsystems kann lebensbedrohlich werden, zum Beispiel während einer Operation. Wegen des intensiven Kontaktes mit latexhaltigen Operationsmaterialien droht ein allergischer Schock, bei dem es zum Kreislaufversagen kommen kann. Die behandelnden Ärzte müssen deshalb unbedingt über die Krankheit unterrichtet sein.

Hilfe vom Spezialisten

„Wer vermutet, dass er selbst oder sein Kind an einer Latex-Allergie leidet, sucht am besten einen auf Allergien spezialisierten Facharzt auf. Er kann die Erkrankung durch gezielte Testverfahren feststellen“, so Fuchs. Wenn die Diagnose gesichert ist, sollten Menschen mit einer Latex-Allergie der Substanz konsequent aus dem Weg gehen. Neben Schnullern, Saugern, Gummihandschuhen und Kondomen ist Latex zum Beispiel in Luftballons sowie manchen Matratzen und Gummisohlen enthalten. In vielen Fällen sind Ersatzprodukte ohne Latex auf dem Markt. Der Allergologe kann die Betroffenen kompetent beraten. Dabei ist auch die Information sehr wichtig, dass es auch zu einer so genannten Kreuzallergie kommen kann. Fuchs: „Manche Betroffene reagieren nicht nur auf Latex allergisch, sondern zum Beispiel auch auf Avocado, Banane, Tomate oder Kiwi.“ Diese Frucht- und Gemüsesorten und auch die Birkenfeige (Ficus benjamina) – eine beliebte Zimmerpflanze – enthalten Substanzen, die dem Latex ähneln. Auch Latex ist ein pflanzliches Produkt. Naturgummi-Latex wird als Pflanzensaft durch das Anschneiden von Gummibäumen gewonnen.

Dass eine Latex-Allergie kein Schicksal ist, mit dem man sich einfach abfinden muss, deutet eine aktuelle portugiesische Studie an. Ärzten gelang es, durch eine spezifische Immuntherapie („Allergie-Impfung“) Patienten mit zum Teil schwerer Latex-Allergie von ihrer Krankheit zu heilen.4 Bei der spezifischen Immuntherapie wird den Patienten die allergieauslösende Substanz in langsam steigenden Dosen über einen längeren Zeitraum regelmäßig unter die Haut gespritzt. Für Pollen-, Hausstaub- und Insektengiftallergien ist das Verfahren die einzige ursächliche und langfristig erfolgreiche Behandlungsmethode. Die spezifische Immuntherapie wird auch zur Vorbeugung und Behandlung des allergischen Asthmas empfohlen.

Latex-Allergie im Gesundheitswesen

Weit verbreitet sind Latex-Allergien bei Krankenschwestern, Ärzten, Laborpersonal und anderen Menschen, die im Gesundheitswesen arbeiten. Etwa zehn Prozent der Beschäftigten sind betroffen.5 Auch sie entwickeln die Krankheit durch den häufigen Kontakt mit Latex in Schutzhandschuhen. Schuld ist in vielen Fällen die Puderung der Handschuhe. Das Puder soll das Überziehen erleichtern; leider nimmt es aber gleichzeitig die Eiweiße des Latex auf, die für die Allergiesymptome verantwortlich sind. Die Eiweiße werden dadurch überall verteilt und können sich auch in der Raumluft ausbreiten. Mittlerweile dürfen keine gepuderten Latexhandschuhe mehr verwendet werden. Die Zahl der Neuerkrankungen ist deshalb in den letzten Jahren deutlich gesunken.

1 Fallbeschreibung nach: Freishtat RJ, Goepp, JGK: Episodic stridor with latex nipple use in a 2-month-old infant. Annals of Emergency Medicine 2002; 39:441-443.

2 Raulf-Heimsoth M et al.: Latexallergie – am Wendepunkt? Medical Special 2003; 4:55-56.

3 Meglio P et al.: Prevalence of latex allergy and evaluation of some risk factors in a population of atopic children. J Investig Allergol Clin Immunol 2002; 12:250-256.

4 Pereira C et al.: Specific immunotherapy for severe latex allergy. Allerg Immunol (Paris) 2003; 35:217-225.

5 Weißbuch Allergie in Deutschland. Ring J, Fuchs T, Schultze-Werninghaus G (Hrsg.), München: Urban & Vogel; 2. Auflage, 2003.


 

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